Hunger und schwüle Hitze

3. ETAPPE

Cabane de Chanrion – St. Pierre

Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr. Es ist heiß, wir liegen wie die Sardinen in der Büchse dicht an dicht. Egal in welche Richtung ich mich drehe, ich habe einfach keinen Platz. Zudem dringt ein beständiges Sägen und Rasseln durch meine Ohropax hindurch…ach so, der Magen knurrt auch noch. Endlich schlafe ich wieder ein. Dann geht um mich herum das Geraschel los, die ersten Bergsteiger machen sich abmarschbereit. Dave ist auch schon wach und erzählt was von kurz vor fünf. Also raus aus den Federn.

Frühstück. Aha, eine Kanne heißes Wasser, Instant-Kaffee..OK, das Überleben ist gesichert. Mürrisch knallt uns der Hüttenwirt 4 Becher auf den Tisch, dazu sieben winzige Scheiben Brot. Belag? Aha, ein schmuddeliges Plastikgefäß mit einer undefinierbaren braunen Masse. Marmelade soll das wohl sein, für jeden von uns 2 Teelöffel so in etwa. Aber wir sind ja eh noch satt vom üppigen Abendmahl gestern. Nach etwas Überredungskünsten von Rolf bekommen wir Nachschlag, 3 weitere Scheiben Brot in Miniaturausgabe. Zum Glück haben wir für Später noch ein paar Müsliriegel im Gepäck. Kurz nach sechs brechen wir auf. Die Hütte liegt noch im Schatten. Leider passt unser Timing nicht ganz und eine riesige Gruppe Wanderer inklusive Muli fürs Gepäck startet vor uns. Egal, wir filmen auf der Abfahrt eh noch ein wenig und kommen nicht viel schneller voran als diese Gruppe. Ein Trail führt parallel zum Wirtschaftsweg ins Tal, kreuzt diesen mehrfach und kommt letztendlich direkt am Abzweig zum Fenetre Durand heraus. Ab hier geht es fortan bergauf, zunächst noch einmal einhundert Höhenmeter auf einem breiteren Weg, dann aber bald auf einem Trail. Wir mischen uns in die Gruppe der Wanderer und schieben und tragen die Bikes bergauf. Endlich verlassen wir den Schatten und genießen die ersten Sonnenstrahlen.

Traumwetter

Blauer Himmel und schönes Wetter erwartet uns heute. Erst gegen Abend sind wieder Gewitter prognostiziert. Nach einer kurzen Rast geht es weiter und weiter nach oben. Die Landschaft wandelt sich von grün in das grau und braun oberhalb der Vegetationsgrenze.

Fenetre Durand

Der mächtige Glalcier d´Otemma ist im Osten zu sehen, die Bergflanken neben uns sind mit Schneeresten aus dem letzten Winter bedeckt. Landschaftlich einmalig schön dieser Übergang.

auf dem Eis

Schließlich kommen wir oben an und nehmen uns noch etwas Zeit zum Filmen und Fotografieren. Dann beginnt die Abfahrt, technisch anspruchsvolle Passagen über Fels wechseln sich ab mit flowigen und schnellen Abschnitten. Immer wieder halten wir, um die Abfahrt auf diesem Traumtrail zu filmen. Wir überqueren ein glitschiges Schneefeld und schon wieder geht es in den Fels.

Schneefeld

Eine Passage für Dave und mich, enge Kehren, steile Stufen…wir werden gefordert. Dennoch bleibt der Trail für uns komplett fahrbar. Nachdem wir das felsige Gelände verlassen haben geht es flowig und locker über einige Wiesen. Ein paar kleinere Felsen verleiten zum Springen und Spielen.

Schließlich erreichen wir nach knapp 500 Höhenmetern Abfahrtsspaß die Alpe Thoules. Ab jetzt geht es leider auf einem Schotterweg weiter. Wir wollen den Talkessel oberhalb von Ollomont umrunden und weiter zum Col Champillon. Unsere Hoffnung hier oben irgendwo eine bewirtschaftete Alm zu finden wird leider nicht erfüllt. Da zudem einige Wolken aufziehen und die Mittagszeit längst hinter uns liegt beschließen wir kurzfristig die Route zu ändern und direkt nach Entrobles im Val del Gran S. Bernardo ab zu fahren. Wir folgen dem welligen Schotterweg also bis zur Alpe Baravax und stoßen dort auf den Wanderweg Nr. 24. Nachdem wir auf einer Kuhweide den etwas versteckten Einstieg gefunden haben, werden wir von einem traumhaften und sehr flüssig zu fahrenden Singletrail durch einen lichten Lärchenwald überrascht. Auf einer Höhe von 1700 Metern spuckt uns der Trail auf einem Schotterweg aus. Dummerweise schlage ich vor den weiter führenden Trail zu verlassen und später auf dem Weg 22 direkt nach Vachery zu fahren. Eine Fehlentscheidung wie sich gleich herausstellen sollte: Unterhalb des Gehöftes Guest ist der Einstieg des Trails wiederum kaum zu finden. Minutenlang laufen wir ziemlich genervt auf einer Kuhweide herum und suchen den Weg. Es ist heiß und wir sind inzwischen seit knapp sieben Stunden unterwegs, ohne Essen wohlgemerkt. Es ist drückend heiß. Unsere Stimmung ist dementsprechend. Wir tragen die Bikes wieder die Wiese hinauf zur letzten Markierung. Schließlich finde ich den kaum noch vorhandenen Trail. Es geht weiter bergab durch hohes Gras und in engen Spitzkehren. Der Weg war sicher mal schön, sollte aber dringend mal wieder gemäht werden. Schließlich erreichen wir gegen 14.00 Uhr den kleinen Ort Vachery. Glücklicherweise finden wir gleich ein Restaurant und bekommen sogar ein Üppiges Mittagessen mit Nudeln und als Hauptspeise ein paniertes Schnitzel serviert. Endlich was zu essen.

Wir beratschlagen über die weitere Route. Eigentlich wollten wir direkt nach Süden über den Col de Met in Richtung Villeneuve fahren, das Wetter verschlechtert sich aber zusehends. Wir entdecken auf der Karte noch einen möglichen Ausstiegspunkt auf halber Höhe und fahren den Berg hinauf. Steil hinauf, auf Schotter, im Wald, kleinstes Kettenblatt. Wir schwitzen wie die blöden…wo man doch einfach das Tal nach Aosta runter rollen könnte. Irgendwann wird der Weg flacher, wir haben inzwischen eine Höhe von knapp 1900 Metern erreicht. Von rechts kommt der Weg Nr. 3c und dann wird uns klar was uns bei der Planung nicht aufgefallen ist: Der vermeintlich weiter nach oben führende Weg geht wieder hinab. Klasse, 500 hm sinnlos den Berg hinauf gefahren für nichts. Wir versuchen noch einen der auf der Karte eingezeichneten Wanderwege zu finden, vergeblich, alles zugewuchert und nicht mehr befahrbar. Ich beginne diesen Berg aufrichtig zu lieben. Wir verlassen den Wald und jetzt beginnt es auch noch heftig zu stürmen. In Mendey verwerfen wir den Gedanken dem Weg 3 weiter zu folgen und fahren auf der Straße ab. Nach einer völlig sinnfreien Höhenmetervernichtungsaktion auf Teer stoßen wir bei Champlorenceal auf den Wanderweg Nr.1, einem wunderschönen Waalweg in Richtung Aosta. Diesen hätten wir eigentlich schon in Vachery nehmen können und wären nach 10 Minuten wohl hier gewesen. Wir hingegen fahren im Wald umher und vergeuden über anderthalb Stunden. Egal, der Weg ist schön und führt uns schließlich bis nach Avie. Von dort geht es weiter nach Arpuilles. Hier beginnt nochmals ein Trail bis hinab in die Altstadt von Aosta. Der macht nochmals richtig Spaß und wir vergessen schnell die letzten Stunden. Leider rollt von Westen das Gewitter heran, so dass uns in der malerischen Altstadt nicht mal die Zeit bleibt ein Eis zu essen. In der Touristinfo lasse ich mir kurz den Weg zu einem Bikeshop erklären. Wir brauchen dringend neue Bremsbeläge. Der Shop liegt zum Glück in unserer Fahrtrichtung. Wir bekommen für unseren üppigen Kauf von 5 Satz Belägen sogar noch 10,-EUR Mengenrabatt gewährt. Der Endpreis pro Belag liegt somit heute sogar unter dem Preis der Billigversender aus dem Internet. Ein Schnäppchen gemacht. Schnell geht es weiter heraus aus Aosta in Richtung Westen. In Sarre beginnt es zu regnen. Die Hotels an der stark befahrenen Straße sprechen uns nicht an, wir versuchen es daher im Ortskern. Fehlanzeige. Also weiter bis nach St. Pierre. Im gleichnamigen Hotel Ristorante bekommen wir ein günstiges Vierbettzimmer für 100,- (komplett für alle, inkl. Frühstück). Glück gehabt. Das Abendessen ist vorzüglich und wir können uns endlich richtig satt essen. Die Chefin des Hotels versorgt uns bestens, unsre Kleidung wird gewaschen, sie schaut für uns im Internet nach der Busverbindung und nach dem Wetterbericht für morgen…wenn ich da an die letzte Nacht denke. Besser nicht.

Alle Fotos von Tag 3

Unterkunft:

HOTEL SAINT PIERRE

Via Corrado Gex 61
11010 St.Pierre (AO) ITALIA
Tel:(+39)0165.903817
Fax: (+39)0165.903965
E-mail: info@hotelsaintpierre.it

Route:
Cabane de Chanrion
Fenêtre de Durand
Balme de Bal
Champillon
Eroubles
Sinnlosberg
Alpe Etallay
Clemencey
Condemine
Arpuillers
Aosta
St. Pierre