Il Tracciolino

Eine Warnung vorweg: Ich  bin sicher schon einige schwere und heftige Abfahrten gefahren, aber dieses Monster aus aus grauem Granit übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. 500 Höhenmeter Steinstufen, steiler Fels und Spitzkehren. Dazu gewürzt mit deftigen Gegenanstiegen und Blicken in den gähnenden Abgrund.

Dabei hat alles so gemütlich begonnen, nämlich mit diesem Video hier:

Tracciolino, Lake Como | Devinci Frantik from Marco Toniolo on Vimeo.

Nördlich des Comer Sees liegt der kleine Lago die Mezzola. Und hoch über dem See gibt es eine alte Trasse einer Schmalspurbahn, die erbaut wurde, um oben in den Bergen einen Staudamm zu errichte. Die Bahn fährt schon lange nicht mehr, zurück geblieben ist aber die Trasse. Spektakulär in den Fels gehauen, exakt auf 912 Metern, also 600 Meter über dem See verlaufend…und meist hat man diese 600 Höhenmeter Abgrund auch direkt neben dem Bikelenker, dazwischen nur ein fingerdickes Stahlseil.

Wegweiser

Die Auffahrt ist relativ einfach, nur am Ende muss das Bike kurz geschoben werden. Dann ist die Trasse erreicht. Hier beschränkt sich die fahrtechnische Herausforderung auf einen gelegentlichen Spurwechsel zwischen den Gleisen. In den dunklen Tunnels wäre eine anständige Lampe ganz hilfreich, die liegt heute natürlich im Kofferraum und bringt somit nichts.

Ich fahre die Trasse entlang bis an den Abzweig nach Codera. Hier geht es noch ca 2 km weiter, dann ist die Trasse seit Jahren nach einem Bergsturz zerstört und definitiv unpassierbar. Die Umleitungsstrecke zweigt schon irgendwo zwischen drin ab, aber da hoch will ich ja heute eh nicht mehr.

auf der Trasse

Runter zu gibt es offensichtlich 3 Möglichkeiten:

  1. die Trasse ganz zurück und neben der Auffahrtsroute runter nach Verceia…ganz einfach
  2. Abfahrt nach S. Giorgio nach dem zweiten langen Tunnel
  3. Abfahrt nach S. Giorgio weiter hinten im Tal
  4. ein Weg über Codera und runter nach Novate Mezzola

Ich entscheide mich für die letzte Variante, und diese führt mich genau auf anfangs erwähnte extreme Abfahrt. Es geht gleich heftig zur Sache, steile Granitstufen sind in den Wald gebaut. Wer hier nicht locker runter fährt, der sollte besser gleich umkehren, denn dies ist erst der Anfang einer sehr anspruchsvollen und kräftezehrenden Abfahrt. Unten im Canyon angekommen überquere ich den rauschenden Bergbach auf einer uralten Steinbrücke, dann muss das Bike auf der anderen Seite ca 150 Höhenmeter weit hinauf getragen werden. Malerisch liegt das kleine Bergdorf am Hang. Es ist nur zu Fuß erreichbar. Und mit einer Trial-Maschine, die an an einer Hauswand lehnt. Nach den Ort führt der Weg immer an steilen Berghang entlang, ein ständiges Auf und Ab kostet Kraft, ich komme nur langsam voran. Zudem brennt auch heute die Sonne wieder mal unbarmherzig und heiß auf mich herab.

Ende der Bahnstrecke

Dann geht es endlich bergab. Und bergab heißt hier wirklich bergab. Steil, extrem steil. Steinstufen, Spitzkehren und Tausende von Treppenstufen. Das Fahrwerk arbeitet, die Gabel ist an Ihrer Belastungsgrenze, die Hände schmerzen vom Bremsen. Enorme Konzentration ist gefordert. Nur keinen Fehler machen auf diesem Trail. Am Anfang habe ich noch Ambitionen alle Passagen fehlerfrei zu fahren, später setzte ich ab und zu den Fuß ab, muss Pausen machen und die Unterarme und Hände entspannen. Endlich erreiche ich Novate Mezzola und bin heute ausnahmsweise mal froh, die letzten 50 Höhenmeter auf der Straße abfahren zu können. Verschwitzt und erschöpft lasse ich mich in die kühlen Fluten des Lago Mezzola fallen.

GPS-Track:

Buchtipp:  Bikeguide Comer See

Karte: Kompass 92 Chiavenna, Val Bregaglia

Tour nachgefahren? Dann bin ich auf Deinen Kommentar gespannt.

5 Gedanken zu „Il Tracciolino

  1. Vielen Dank für diesen Super-Tipp!

    Wir (timtim, gnafert und ich) haben versucht, 1 Woche dem März Richtung Süden zu entfliehen und sind dabei u.a. diese Tour nachgefahren.

    Wir haben’s uns einfach gemacht und hochzu fast komplett geschoben.
    Insgesamt haben wir ca. 5,5h gebraucht, inkl. Pausen.

    Kollege timtim ist tatsächlich alles gefahren, gnafert und ich haben ein paar Mal geschoben (insbesondere die ersten Treppen am Einstieg).

    Wenn man steile Naturstein-Treppen mag (und das tun wir), und halbwegs bis gut umsetzen kann (am besten auch das Vorderrad), ist dieser Trail erste Sahne.

    Damit war die Reise schon nach 1 Tag ein Erfolg! Merci!

  2. gut freut mich, denn offizielle Aussage laut RIDE ist: alle Wege von Codera runter sind absolut unfahrbar. Das ist relativ, ich sag einfach S3 Trail mit hohem S4 Anteil 🙂
    Ich muss unbedingt nopch mal die andere Abfaht aus Marco´s Video probieren, die schaut auch lecker aus. Euch noch viel Spaß

  3. Ich war vor zwei Wochen dort. Nachdem der Trail 2010 problemlos befahrbar war und in einigen Magazinen und Büchern beschrieben wurde hat sich einiges geändert:

    der Schotterweg ab Verceia wurde bis oben hin ausgebaut. Man kommt also jetzt fahrend bis zum Gleis:

    Der schöne Picknickplatz im Wald ist ziemlich platt, große Bäume gefällt und den Schotterweg drum rum gebaut.
    Am Gleis neue Schrauben, neue Barrieren, Verbotsschilder. Der Weg darf weder begangen noch befahren werden. Wir sind erst nach rechts bis zum Stausee, dann nach links ca. 2 km. Vor dem großen Tunnel sind wir dann einem Zug begegnet (so ne kleine gelbe Grubenbahn mit einer Lock+ 1 Wagon).
    Wir wurden freundlich aber bestimmt zur Umkehr gezwungen. Privato, Verboten etc.
    Sind dann zum Rifugio Frasnedo hoch (30 min Schieben und Tragen).
    Dort hat man uns eine Bikekarte gegeben, wo der Tracciolino noch als Tour drauf ist. Zudem eine Route über den Stausee und weiter den Berg hoch (haben wir vor Ort nicht gesehen, vermutlich Schiebestück?). Ist bis Lavazzo auf 1560 m eingezeichnet.
    Abfahrt war echt nett, auch der Trail, der die Auffahrt immer wieder kreuzt ist echt Sahne.
    Hätte gerne den Trail nach San Giorgio probiert, aber da sind wir nicht mehr hin gekommen.
    Hat wer Infos?

  4. Merci für den genialen Tip! Ist ein wirklich interessantes Erlebnis gewesen. Die Wanderer haben uns angefeuert und sich ein wenig gewundert, dass jemand spass daran hat, hier mit dem radl runterzufahren.

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