Geröllfeld und Hitzeschlacht

6. ETAPPE
Rif Sogno di Berdze-Rifugio Barmasse am Lago di Cignana

Es ist früh am Morgen und draußen werfen die umliegenden Berge noch lange Schatten auf uns herab. Wir müssen kurz 100 Höhenmeter zurück bis zum Abzweig zur Alpe Pontonnet fahren. Ab hier geht es auf Schotter bergauf. Schnell wird uns in den langen Jacken zu warm, also weg damit und rein in die Rucksäcke. An der Alm zweigt ein Wanderweg hinauf auf den Pass ab. In steilen Serpentinen geht es auf erdigem Grund nach oben. Schön liegt der Lago Ponton unter uns in einer Senke, die Bergkette im Süden ist von einem malerischen Wolkenband umwickelt. Einzig die Hochspannungsleitung, die hinauf zur Passhöhe führt, beeinträchtigt das Gesamtbild.

Die Auffahrt zum Col Fenis legen wir teils schiebend, teils fahrend zurück. Auf einer Anhöhe erblicken wir schließlich den Pass, über den auch die Starkstromleitung führt. Zunächst geht es aber nochmals auf einem schönen Trail bergab, dann entlang des Ufers eines kleinen Sees, bevor uns der Schlussanstieg hinauf auf den Pass erwartet. Nochmals mussen wir einige Höhenmeter schiebend und tragend überwinden. Der Trail im Geröllfeld ist im guten Zustand und einfach zu bewältigen.

Oben angekommen am Col Fenis weht ein eisiger Wind. Fels und Geröll prägen hier oben das Landschaftsbild. Eine verfallende Militärbaracke und einige Steinmauern zeugen von der früheren Nutzung dieses strategisch wohl wichtigen Überganges. Bald brechen wir wieder auf und fahren auf einem Bergrücken abwärts. An einer Hütte auf dem Colle Pontonnet beginnt der Weg ins Val Fenis. Zunächst fahren wir auf gut verfestigtem Untergrund hinab. Ich entdecke hier die Spuren eines Bikers, der hier vor wenigen Tagen durch gekommen ist, vermutlich Lukas Stöckli auf seiner „Gipfelstürmer“-Tour. Nach wenigen Metern stehen wir an einem Steilabbruch. Das Landschaftsbild hat sich abermals gewandelt. Wir finden uns in einem Gewirr aus Felsen und lockerem Geröll wieder.

Schnell wird uns klar, der Colle Pontonnet ist heute kein guter Übergang für uns. Die Abfahrt ist der absolute Wahn! Lockere Felsbrocken, extreme Steinschlaggefahr, in der Gruppe nur einzeln begehbar, insofern man hier von Gehen sprechen kann.

Wir suchen uns eine Route nach unten, sehen immer wieder die Spuren des anderen Bikers. Oft schweifen unsere Blicke auf den Berg auf der rechten Talseite, der offensichtlich die Quelle all der Felsmassen hier zu sein scheint. Bedrohlich und brüchig die Felswand über uns. Man hat ständig das Gefühl, dass hier jederzeit neue Felsbrocken auf uns herab stürzen können.

Ich laufe als erster hinab, Dave versucht ein Stück weiter oben einen Weg durch das wilde Gewirr von Felsen zu finden. Ich trete einen Stein los, er rollt donnernd nach unten, reißt weitere Brocken los. Zum Glück ist unter mir niemand. Ich rufe zu Dave hinauf, dass er erst einmal abwarten soll, bis ich aus seiner Abbruchzone heraus bin, bevor er weiter geht.

An jetzt halten wir Abstand, damit wir uns beim Abstieg nicht gegenseitig gefährden. Schließlich entdecken wir auf der linken Talseite einige gelbe Markierungen. Wir queren das Geröllfeld dorthin und gelangen endlich wieder auf den ehemaligen Wanderweg. Dieser kommt von weiter oben, verschwindet aber bald darauf ebenfalls unter dem mächtigen Felssturz.

Der folgende Trail ist ganz gut befahrbar und wartet mit einigen fahrtechnisch interessanten Passagen auf. Leider endet er viel zu früh an einer Alm. Ab hier führt nur noch ein Schotterweg hinab ins Tal.

Hinweis: Wenige Wochen nach unserer Tour wurde der Wanderweg am Colle Pontonnet wieder begeh- und befahrbar gemacht. Es wurde ein neuer Weg an der linken Talseite angelegt und gelbe Markierungen weisen den Weg. Somit kann dieser Übergang zukünftig mit deutlich weniger Risiko und weitestgehend fahrbar angegangen werden.

Die weitere Abfahrt gestaltet sich für uns ziemlich unspektakulär. Wir vernichten sinnlos Höhe auf der Schotterpiste. Netterweise ist die Sache noch mit einem steilen Gegenanstieg gespickt. Zu allem Überfluss wird kräftig gebaut, der Weg besteht nur noch aus feinem Staub und der drohende LKW Verkehr zwingt uns zu ziemlich behutsamer Abfahrt.

Irgendwann erblicken wir das Matterhorn. Seine markante Silhouette ragt in den Himmel empor. Wir fahren weiter. Auf einer Höhe von 1070m bei Leffrey zweigt ein Schotterweg nach links ab. Wir orientieren uns kurz anhand der Karte und beschließen den dort einzeichneten Trail zu probieren. Es geht zunächst einige Meter bergauf, wir passieren ein paar Gärten und am Ende einer Wiese entdecke ich den Einstieg in den Trail. Volltreffer! Ein wunderbar verschlungener Weg mit engen Kehren und einigen Absätzen. Scheinbar wird hier öfters gefahren, denn die Ideallinie ist wunderbar vorgezeichnet. Nach und nach verlassen wir den Wald, das Gelände wird offener, der Untergrund ist staubtrocken. Wir kreuzen noch einige Schotterwege und gelangen auf Trails hinab bis nach Barche.

Dort angekommen wollen wir erst einmal was essen. Leider ist die einige Bar im Ort völlig von einheimischen überfüllt und die zwei älteren Damen schaffen es einfach nicht uns überhaupt nach unseren Wünschen zu fragen. Wir befürchten, dass sich dieser zustand so schnell nicht ändern wird und die Kühe anscheinend schon geschlossen hat. Daher brechen wir wieder auf und fahren weiter nach Chambave.

Hier unten im tief liegenden Aostatal ist es heiß, ein warmer Wind weht uns entgegen. Leider finden wir auch in den nächsten Ortschaften keine Möglichkeit etwas zu Essen zu bekommen. Auch dien Lebensmittelläden haben schon wieder einmal geschlossen. Also geht es den Berg hoch. Im nächsten Ort wird es sicher was geben. Der Wind macht die Auffahrt bei über 30°C halbwegs erträglich. In S. Denis betreten wir wieder eine Bar. Küche geschlossen, also jeder 2 Glas Cola, 2 Tüten Chips und eine Portion Eiscreme aus der Tiefkühltruhe. Am Brunnen im Ort können wir wenigstens noch unsere Trinkflaschen füllen. Noch 500 Höhenmeter bis zum nächsten Ort mit Pizzeria. Egal, inzwischen haben wir den Hunger überwunden und quälen uns weiter bergauf.

Endlich in Sémon angekommen wird unsere Hoffnung auf eine Portion Nudeln oder gar eine Pizza natürlich wieder enttäuscht. Essen erst ab 19.00 Uhr. Selbstverständlich macht auch der kleine Alimentari im Ort immer noch Siesta. Glücklicherweise haben wir inzwischen über 1000 Höhenmeter mit leerem Magen überwunden und wir verlassen langsam das heiße und trockene Aostatal. Zunächst spenden einige Bäume Schatten, später erreichen wir endlich den kühleren Wald. Unseren ursprünglichen Plan das Skigebiet Torgnon westlich auf dem Höhenzug zu umfahren, lassen wir angesichts unserer Versorgungslage fallen. Stattdessen fahren wir kurz unterhalb des Col des Bornes auf der Straße in den Ort Mongnod hinab.

Dort angekommen finden wir gleich einen geöffneten Supermarkt. Auf dem Marktplatz werden die soeben gekauften Lebensmittel sofort vernichtet. Nebenher können wir im Brunnen noch einige Kleidungstücke waschen und in der Touristinfo nach einer Übernachtungsmöglichkeit nachfragen.

Dann der Nächste Tiefschlag, der geplante Übernachtung in der Rifugio Barmasse scheint zu platzen. Ausgebucht. Wir beschließen trotzdem die verbliebenen 500 Höhenmeter hinauf zur Hütte in Angriff zu nehmen und notfalls ins Tal ab zu fahren. In endlosen Serpentinen führt die Straße durch das Skigebiet von Torgnon aufwärts. Später auf fahren wir am Hang entlang auf einem leicht steigenden Schotterweg bis zu einem kleinen See bei Loditor. Ab hier geht es über die Almen Telinod und Gillarey unterhalb des Finestra d`Ersa auf einem Schotterweg entlang. Wir hatten zuerst befürchte, dass wir über diesen ca. 200 Höhemeter weiter oben gelegen Pass auch noch fahren müssen und sind über die nicht ganz geplante Umfahrung alles andere als unglücklich. Langsam dämmert es und es wird wieder kalt. Leider müssen wir bis zur Rifugio Barmasse am Lago di Cignanna nochmals einige Höhenmeter auf Schotterabwärts fahren, um dann bald darauf nochmals einen Schlussanstieg von knapp 300 Höhenmetern zu bewältigen.

Die als Option geplante Abfahrt auf einem Trail nach Plaquier liegt bereits im Schattend er umliegenden Berge. Daher sind wir darüber, dass unsere Nachfrage nach einer Übernachtungsmöglichkeit in der Rifugio Barmasse jetzt doch noch positiv beantwortet wird. Zwar sind in der Hütte immer noch einige Betten unbelegt, trotzdem hatte man unsbei unserm Anruf vor 3 Stunden in Mongnod auf der Touristinfo gesagt, die Hütte sei ausgebucht.

Nach dem etwas knappen Abendessen schaffen es Roland und Dave noch warm zu duschen. Für mich und Rolf bleibt leider nur noch kaltes Wasser aus dem überlasteten Boiler übrig. Egal, es gibt schlimmere Dinge als kaltes Wasser.

Alle Fotos von Tag 6

Fazit:

Grauenhafte Abfahrt vom Colle Pontonnet, miserable Versorgungslage und lange Überführungsetappe.
Unterkunft:

Rifugio Barmasse
Lago di Cignana
11028 – Valtournenche

Route:

Rif Sogno di Berdze
Alpe Pontonnet
Colle Pontonnet
Chambave
Col des Bornes
Mongnod
Brusoney
Gilliarey
Lago di Cignana
Rifugio Barmasse am