Im Gran Paradiso

5. ETAPPE

Eau-Roussex-Rifugi Sogno di Berdze

König Vittorio Emanuele ließ im Gebiet rund um den Gran Paradiso, dem mit 4.061 Metern der höchste Berg in den Grajischen Alpen, zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu seinem Jagdrevier erklären. Um alle Teile des riesigen Gebietes bequem zu erreichen wurden unzählige Reitwege angelegt, die zum Teil bis in Höhen von über 3000 m führen. Und einer dieser Reitwege soll uns heute zum Col Lauson, einem der höchsten mit dem Bike bezwingbaren Pässe überhaupt, führen.

Große Teile des 1600 hm langen Anstieges sind fahrbar. Allerdings haben über 100 Jahre seit der Erbauung der Wege auf diesen Ihre Spuren hinterlassen, so dass man auf dem Anstieg immer wieder mit längeren Schiebepassagen zu tun bekommt. Gleich zu Beginn erwartet uns ein kurzer unfahrbarer Abschnitt, da der Weg mit groben Felsbrocken gepflastert ist. Unterhalb der Baumgrenze ist der Weg jedoch in einem sehr guten Zustand. So arbeiten wir uns langsam in der grandiosen Landschaft nach oben und genießen bald die Morgensonne beim Aufstieg.

Die Landschaft ist einzigartig, im Hintergrund blicken wir immer wieder zurück auf die gestrige Etappe un die unvergessliche Abfahrt vom Colle d´ Entrelor.

Das ehemalige Jagdrevier aus dem 1922 der Gran-Paradiso-Nationalpark hervorging ist ein Traum für den modernen Jäger, den Trailhunter. Wir fühlen uns wohl hier und genießen den mühsamen Aufstieg.

In endlosen Serpentinen windet sich der Trail höher und höher. Abermals sehen wir Steinböcke die oben in den steilen Hängen nach Futter suchen.

Je weiter wir nach oben kommen, desto karger wird die Landschaft. Der Mensch wirkt klein vor dieser Kulisse.

Ab der 3000 Meter Marke dominiert blanker Fels und eine raue Gerölllandschaft das Bild. Wir gehen wieder einmal zum „fraxn“ über. Das Bike quer über die Schultern gelegt lässt sich der beschwerliche Aufstieg im Geröll gut meistern. Dave und ich sind mit Bergstiefeln ausgestattet und fühlen uns bedeutend wohler in diesem Gelände als Rolf und Roland.

Blicke schweifen umher, wir genießen die Einsamkeit und die traumhafte Gebirgswelt.

Das Geröll nimmt kein Ende, der Atem geht schwer, die Sonne brennt unbarmherzig.

Kurz vor dem Pass wird der Weg sehr steil. Alles ist feucht von den Schnee- und Regenfällen der letzten Tage.

Auch Rolf übt sich langsam beim „fraxn“.

Die Abfahrt beginnt. Sonne pur und blauer Himmel. Im Hintergrund strahlen die Gletscher der Schweizer Alpen.

Zunächst meistern wir eine leicht ausgesetzte Passage auf 3250 m Höhe. Ein blaues Seil ist am Felsen angebracht, der Untergrund ist rutschig. Dennoch ist diese Passage für uns fahrbar.

Der Trail windet sich in schmalen Kehren nach unten, nur Fliegen ist schöner.

Die Biker wirken klein vor dem großem Panorama der Berge.

Dave greift in die Trickkiste und meistert die engen Spitzkehren mit beeindruckender Fahrtechnik. Der Weg schlängelt sich gut ausgetreten, technisch anspruchsvoll aber immer weitgehend sehr flowig durch ein großes Geröllfeld ins Tal. Schließlich erreichen wir hungrig die Rif. Vittori Sella und bestellen uns erst einmal eine Portion Nudeln. Leider ist die Portion mickrig und die Soße überhaupt nicht gewürzt. Egal, wir sitzen in der Sonne, schauen dem bunten Treiben um uns herum zu und brechen bald wieder auf in Richtung Cogne.

Noch einmal wird der Weg sehr spannend. Leider ist dieser unterhalb der Rif. Vittori Sella extrem stark begangen, stark erodiert und unzählige senkrecht stehende Steinplatten in den Kehren bremsen uns immer wieder aus. Meist nehmen wir diese Hindernisse als sportliche Herausforderung und versuchen die verzwicken Passagen fahrend zu bewältigen. Dennoch hält sich der Spaß hier in Grenzen und man muss höllisch aufpassen sich keinen Platten zu fahren oder sich gar eine Felge zu demolieren. Und dann passiert es, ich bin einen kurzen Moment unachtsam, bleibe mit dem linken Pedal an einem Felsen hängen. Ich strauchle. fange mich wieder und fahre weiter. Nix passiert? Nein, dieser dumme Fahrfehler hat mir tatsächlich die ganze Kurbel verbogen. Das Pedal scheint intakt zu sein, wackelt aber. Zudem läuft die Sache jetzt äußert unrund und ich brauche einige Meter Abfahrt um mich an diese neue Situation zu gewöhnen.

In einer Tourenbeschreibung aus einer Bikezeitschrift haben wir über den weiteren Wegverlauf folgendes gelesen: „auf der Alta Via 2 – im engen Val Lauson ist die alte Wegtrasse des Reitweges wegen Steinschlaggefahr und Verfall gesperrt, Umgehung auf neuem Wanderweg, insgesamt etwa 40 min Schieben)- nach Cogne„.
Wir erreichen schließlich den besagten Abschnitt, überqueren den Bach auf einer schmalen Holzbrücke und müssen danach etwa 5 min den bergauf schieben. Und dann erreichen wir die angebliche Schiebepassage, die sich für uns sofort als schönster und interessantester Teil der ganzen Abfahrt vom Col Lauson entpuppt. Verblockter Fels, Holztreppen, quer liegende Stämme, tiefe Rinnen, lockeres Geröll und immer wieder griffiger Fels sind ein wahres Paradies für Fahrtechnik-Akrobaten. Jede Kehre bietet eine neue fahrtechnische Herausforderung. Wir haben Spaß, unendlich viel Spaß und wir hoffen inständig, das dieses „Schiebestück“ niemals enden wird. Das Ganze spielt sich irgendwo im Grenzbereich zwischen S3 und S4 der Singletrail-Skala ab. Und wieder einmal zeigt sich, dass die in vielen Tourenbeschreibungen Einteilung in Schiebestück oder fahrbar als völlig untauglich erweist.

Eine leicht verblockte Passage, wir haben Spaß. Immer wieder stoppen wir, nutzen das schöne Licht und den anspruchsvollen Trail für Foto- und Filmaufnahmen. Eine Passagen fahren wir mehrfach, um diese aus verschiedenen Blickwinkeln und absolut fehlerfrei zu dokumentieren.

Griffige Felsen laden zum Spielen ein und nach mehrmaligem Befahren hat sich eine staunende Menschentraube von Wanderern um uns herum gebildet. Erstaunt und beeindruckt von unserem Tun bleiben die Zaungäste immer wieder stehen und vergessen fast ihren Weg fort zu setzen.

Schließlich wird der Trail wieder einfacher, windet sich in einigen Serpentinen hinab und wir erreichen das Tal. Die letzten Kilometer bis Cogne führt ein Schotterweg am Bach entlang. Glücklicherweise hat mein wackelndes Pedal die ganze Abfahrt über gehalten. Ständig bin ich mit der Angst gefahren, dass dieses plötzlich abbrechen könnte. Nicht auszumahlen, was in diesem Fall auf dem technisch anspruchsvollen Trail hätte passieren können. In Cogne angekommen teilen wir uns auf. Dave bewacht die Bikes, Rolf und Roland versuchen eine Unterkunft ausfindig zu machen. Ich suche einen Bikeshop und versuche irgendein Ersatzteil für meine Kurbel zu finden. Vergeblich, außer einiger Sportgeschäfte mit dem üblichen Outdoor-Equipment und einem kleinen Baumarkt gibt es nichts. Schließlich kann ich mir wenigstens in einer Autowerkstatt einen 15er Maulschlüssel ausleihen und mir den Schaden an der Kurbel genauer betrachten: Ich demontiere die Pedale, Das Gewinde in der Kurbel ist ziemlich Matsch, einzelne Gewindegänge rieseln als Aluspäne zu Boden. Das Pedal ist unversehrt, die Kurbel ziemlich krumm. Zum Glück ist das Gewinde noch tragfähig, so dass ich das Pedal wieder montieren und sogar ganz fest ziehen kann. Zumindest wackelt nun nichts mehr, ich kann weiter fahren.

Roland und Rolf haben inzwischen heraus gefunden, dass 1000 m weiter oben in Richtung Colle d´Pontonnet noch eine Rifugio ist, welches auf unserer Wanderkarte gar nicht eingezeichnet ist. Schnell beschließen wir dort zu reservieren und den Anstieg am Abend noch in Angriff zu nehmen. Wir essen noch ein Eis, besorgen in einem Alimentari noch ein paar Lebensmittel und brechen auf. Wir kommen nochmals an dem kleinen Baumarkt vorbei. Moment mal, was mach ich wenn Das Gewinde nicht mehr trägt? Ohne Werkzeug? Was würde Mac Guiver machen? 15er Maulschlüssel und Zweikomponenten-Epoxidkleber für 12,-EUR wandern ins Gepäck, sicher ist sicher.

In Lillaz füllen wir noch mal unsere Trinkflaschen und dann geht es bergauf. Zunächst auf einer kleinen Teerstraße, später auf Schotter führt der Weg nach oben.

Im Abendlicht fahren wir durchs Valle Urtier zur Rifugi Sogno di Berdze.Wir erreichen diese erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Das Abendessen ist vorzüglich und reichhaltig und das Bier schmeckt nach diesem gelungenen Tag heute außerordentlich lecker. Dennoch bleibt es bei nur zwei Krügen.

Alle Fotos von Tag 5

Übernachtung:

Rifugi Sogno di Berdze

Tel:

0165 749226
346 0613304
349 7556356
email: rifugioberdze@coopcheznous.it

Route:
Eau-Roussex
Col Lauson
Rif. Vittori Sella
Valnontey
Cogne
Lillaz
Valle Urtier
Rifugi Sogno di Berdze