mit dem Bike auf Gipfeltour

Ist man zu Fuß oder mit den Tourenski in den Bergen unterwegs, hat man meist ein Ziel: einen Gipfel zu besteigen. Beim Mountainbiken ist das in der Regel anders.  Eine Pass oder Joch wird angesteuert, man wählt eine bequeme, oftmals fahrbare Auffahrt und hofft auf der anderen Seite auf einen je nach Vorlieben schweren oder einfachen Downhill zurück ins Tal. Echtes Gipfelglück bleibt dem Biker meist verwehrt.

bergtour

Heute soll das nicht so sein. Mit Michael und Günter bin ich in den Bergen unterwegs. Roland begleitet uns mit der Kamera. Die Tour beginnt wie eine gewöhnliche Biketour, sanftes Einrollen im Tal, dann steil auf Schotter in Serpentinen hinauf. Die Tour ist sogar als Mountainbikestrecke beschildert. berg1Aber etwas ist anders heute, da ist dieser Berg, seine mächtige senkrechte Westwand steht vor uns. Da wollen wir rauf. Heftig heftig. Noch kann sich das keiner von uns so recht vorstellen.

Das Wetter meint es gut mit uns. Zwar sind etliche Wolken am Himmel zu sehen, aber auf der steilen Auffahrt brennt die Sonne mehrmals kräftig auf uns herab. Je höher wir kommen desto offensichtlicher wird uns aber auch, dass das nicht lange so bleiben wird. Aus Nordwest ist eine schwarze Wand im Anmarsch, wie so oft in diesem kalten und verregneten Sommer 2009.

kleVor vielen Jahren auf dem gleichen BergHeute ist Premierentag, dieser Berg ist in jeder Hinsicht eine Premiere für mich. Ist es doch genau der Berg, auf den mein Vater mich mit im Alter von 22 Monaten hinauf getragen hat. Mein erster Gipfel, und heute mein erster Gipfel mit dem Bike. Schaun wir mal, noch sind wir nicht oben…

Schließlich erreichen wir den Sattel, auf dem die Bikeroute auf der anderen Seite auf Schotter wieder ins Tal geht. Nichts für uns, in jeder Hinsicht. Wir folgen statt dessen dem kleinen Trail über einen grasiger Rücken. In den schlammigen Pfützen steht noch das Regenwasser von gestern. Wir sehen eine Bikespur. Sind wir womöglich nicht die ersten, die heute hier hinauf wollen? Eigentlich sehr unwahrscheinlich. Bald darauf ist Schluss mit Fahren. Schnell werden die Bikes geschultert und es geht steil den Wanderweg hinauf.  An einigen Stellen müssen wir eine Hand zum Festhalten am Fels nutzen. Dann kommt das erste Kletterstück. Einige Eisen sind als Tritte im Fels verankert, ein Stahlseil dient zur Sicherung. Von oben kommt ein Wanderer herab. Wo wir denn hin wollen mit den Bikes, da hoch? Unglaublich. Er bedauert heute keinen Fotoapparat dabei zu haben, das würde Ihm ja niemand glauben, war er hier gerade sieht. Sein Bike läge unten, versteckt zwischen den letzten Bäumen. OK, das war die Auflösung zur Reifenspur im Schlamm.

Nach dem Kletterstück wird der Weg einfacher, wir können die Bikes zum Teil wieder schieben statt sie zu tragen. berg2In engen Serpentinen geht es schnell nach oben. Wir kommen gut voran. Leider verschlechtert sich das Wetter jetzt immer mehr. Böhiger Wind zerrt an den Bikes. Stellenweise müssen wir aufpassen, nicht von dem schmalen Grat geweht zu werden. Dann erreichen wir einen kleinen Sattel kurz vor dem Gipfel. Ab hier geht es noch 30 Meter an einer Kette hinauf zum Gipfelkreuz. Meine Begleiter lassen ihre Bikes hier zurück. Eine durchaus sinnvolle Entscheidung. Ich dagegen mache mich auf mein Liteville auch noch die letzten Meter nach oben zu zerren. Wenn schon, denn schon.

Oben angekommen kommt es wie es kommen musste: es beginnt zu regnen. Nichts mit gemütlicher Pause, aus mit Panoramablick. Statt dessen hektisches Treiben, Regenjacke an, Protektoren an, Sattel runter, Gabel raus, Kamera läuft…ich fahre 3 Meter. Der Fels ist schon glitschig, neben mir gähnt der Abgrund. 4 Meter, ich rutsche Weg, Fuß raus, das macht keinen Sinn. 2 Meter weiter wäre auch bei Trockenheit Schluss gewesen. Es geht fast senkrecht an der Kette entlang nach unten. Was vor wenigen Minuten beim hoch klettern noch ein Kinderspiel war wird jetzt auf dem nassen Fels zur abenteuerlichen Hangelei. Die linke Hand an der Kette, die Kette lässt zwischen meinen Bergstiefeln nach unten, das Bike hängt an der rechten Hand. Zwei Kletterer kommen gerade die Westwand herauf und fallen, als sie mich bei meinem Abstieg entdecken, beinahe aus der Wand. Oha, ein Biker!

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Kurz darauf ist der normale Wanderweg wieder erreicht. Der Trail nach unten sieht klasse aus. Wir nehmen also nicht die Aufstiegsroute als Abfahrt, sondern fahren in die Gegenrichtung ab. Zumindest versuchen wir das. Dummerweise hat sich der Untergrund wegen der Nässe sehr ungünstig verwandelt: Nasser, glatt gelatschter Kalkstein. Darauf ein dünner Film lehmiger Schuhabdrücke in Verbindung mit Regen ergibt ein Fahrgefühl wie bei Eisregen. Völlig unmöglich hier enge felsige Kehren oder Passagen mit Stufen zu fahren. Bei Trockenheit ein Traumtrail, jetzt ein Eiertanz. Wir kommen uns vor wie blutige Anfänger. Es geht einfach nichts. Und einen Sturz kann und darf hier oben keiner riskieren. Also wird immer wieder geschoben. Wir passieren eine Hütte und warten einen etwas heftigeren Regenguss ab. Jetzt wird die Wanderkarte konsultiert, die ursprüngliche Planung wird verworfen, bei dem Wetter gibt es nur eine Richtung: Talwärts. Wir entscheiden uns für den Weg, der uns am schnellsten zurück zum Auto führen wird. Ein Blick den Berg hinab zeigt einen schönen Trail, der bald darauf im Wald verschwindet. Gut, das sollte gehen. Schon nach wenigen Meteren erreichen wir die Baumgrenze. Es nieselt nur noch leicht.

Unter den Bäumen ist es stellenweise sogar mal trocken, der Untergrund ist schottrig und wesentlich griffiger als weiter oben. Einig eine Vielzahl von feuchten Wurzeln und quer montierten Balken verlangen höchste Konzentration und hundertprozentig saubere Fahrweise. bergtour1Und dann sind da noch die engen Spitzkehren, die steilen Stufen. Selbst bei Sonnenschein Trockenheit würden diese die meisten Biker zu Verzweifelung treiben. Jetzt bei Nässe fordern sie von uns das Maximum an Bikebeherrschung und Risikobereitschaft. Es gelingt, oft nicht beim ersten mal, aber wenn man sich die Ideallinie überlegt, den Punkt an dem man stoppt, das Hinterrad versetzt noch mal optimiert klappt es. Es macht Spaß. Auch das Publikum, einige Wanderer, ist begeistert. Die Reaktion auf unser Tun ist durchweg positiv.  Sind wird doch nur unwesentlich schneller als sie unterwegs und bieten dafür noch eine gehörige Portion kostenloses Entertainment. Es passt, und es läuft. Zu gut, ich werde übermütig. An einem mächtigen Absatz überschätze ich mich. Schon während sich das Vorderrad noch in der Luft befindet merke ich, dass die Stufe wohl zu hoch ist. Abflug. Knieprotektoren, Rückenpanzer, Helm. Rolle Vorwärts, einmal rum, ich stehe und lache. Günter und Michael stehen oben und lachen ebenfalls. Holla, die Stufe geht mir bis an die Brust. Na ja, war wohl doch etwas viel. Weiter geht´s auf dem Trail hinab ins Tal. Wenige Minuten später erreichen wir den Talgrund, ein leicht abschüssiger Radweg führt uns zurück zum Auto.

Fazit: Wenn man Touren auf so einem schönen Trail abbrechen kann, dann sollte man jede Tour abbrechen. Und unsrer Gipfel war ein Volltreffer, wir kommen wieder, bei Sonne dann…

Warum gibt es zu dieser Tour keine detaillierte Beschreibung oder GPS Daten?
Grund: Vertrider Ehrenkodex

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