Transtirol Tag 7: im Reiche des Bären

Heute ist der letzte Tag unserer Tour. Wir haben Tirol durchquert und nach der gestrigen Etappe die Brenta erreicht. Bereits auf meinem ersten Alpencross vor 11 Jahren habe ich diesen imposanten Gebirgszug besucht. Heute werden wir den ersten Teil der Etappe genau auf der Route von 1998 zurücklegen. Danach gelangen wir über den spektakulären Passo Gaiarda hinab zum Molvenosee.
Beim Start heute Morgen ist es ziemlich kalt. Gerade eben noch haben wir das unerwartet reichhaltige Frühstück im Albergo Miralago einverleibt, schon geht es auf steilen Rampen bergauf. Die Betonpiste hinauf zur Malga Pozzol auf 1632 Metern ist an einigen Stellen bis zu 30% steil. Hier wird es an einigen Stellen mit dem Rucksack auf dem Rücken fast unmöglich im Sattel zu bleiben. Zwischendurch gibt es aber immer wieder flache Abschnitte, auf denen man etwas regenerieren kann.
An der Alm endet der Schotterweg. Fortan müssen die Bikes bis auf die Hochfläche der Brenta, die sich auf 2000 Metern Höhe erstreckt, geschoben und getragen werden. Wir passieren noch die Malga Flavona und überschreiten schließlich die Baumgrenze. Dann schiebt sich langsam der Mont Turrion Basso mit seiner einzigartigen Silhouette ins Blickfeld.

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Er wird für die nächste Stunde unser ständiger Begleiter zur Rechten sein. Links von uns stehen mit ihren fast 600 Meter hohen senkrechten Wänden weit mächtigere Berge. Und der Blick nach vorne zeigt uns schon unser Ziel, den Passo Gaiarda.
Die grasbewachsene Hochfläche ist stellenweise gut befahrbar. Die Steigung ist annehmbar, der Untergrund größtenteils gut. Dennoch müssen wir immer wieder absteigen und die Bikes über längere Strecken schieben.
Auf knapp 2200 Metern erreichen wir schließlich den Abzweig zum Passo Gaiarda. Ab hier können wir die letzten 50 Höhenmeter bis zum Pass wieder alles fahren.

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Wir befinden uns auf einer alten Militärstraße, die entsprechend gut ausgebaut ist. Hier oben kommen wir immer näher an die beeindruckenden und hohen Felswände des Monte Fibbion. Oben angekommen rasten wir kurz an einer windgeschützten Stelle.
Der Blick auf die Abfahrt sieht vielversprechend aus. Der Weg 301 führt quer durch extrem steile Schotterbänder, ist oft nur handbreit.

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Wenn man sich nach wenigen Metern an den ungewohnten und nicht immer berechenbaren Untergrund gewöhnt hat, kann man darauf ganz gut abfahren. Einfach Bremsen auf und laufen lassen, etwas Vertrauen in die Federung und es klappt. Aber wehe man lässt sich von den tiefen Wasserrinnen die den Trail immer wieder kreuzen oder einigen größeren Brocken aus der Fahrt bringen. Dann dauert es wieder eine ganze Weile, bis die Räder wieder rund rollen. Die Schotterhänge sind derart steil, dass wir an einigen Stellen sogar kleine Lawinen auslösen, die hinter uns ins Tal rutschen. Erschwert wird die Abfahrt zudem durch die ungewohnte Optik: der schmale Pfad durch das Geröll unterscheidet sich kaum von der Umgebung, alles grau in grau.
Oberhalb der Malga Spora ändert der Trail seinen Charakter vollständig. Enge Serpentinen, tief eingewaschen in den Untergrund erfordern höchste Konzentration und fahrtechnisches Können auf höchsten Niveau. Mir gelingt es diese schwere Sektion fast fehlerfrei zu durchfahren.
Wir passieren die malerisch gelegene Alm und überwinden einen kurzen Gegenanstieg. Schließlich erreichen wir die Baumgrenze. Einige Abzweigungen von schönen Wanderwegen werden gequert, wir  bleiben jedoch auf dem Weg 301. Dieser verläuft jetzt gut fahrbar und flowig durch den Wald. Dann die Entscheidung an einer Weggabelung: weiter auf dem 302 nach Spormaggiore oder bleiben auf dem 301 direkt nach Andalo. Wir bleiben.
Das bedeutet zunächst, dass der Trail nun weniger fällt und parallel zum Hang verläuft. Einige Male müssen wir schieben, denn es geht wieder bergauf. Wir denken zunächst, dass der Weg bald in das tief eingeschnittene Tal führen wird, erkennen dann aber, dass er sich direkt der senkrechten Felswand zu unserer Rechten zuwendet. Zudem wird der Weg immer ausgesetzter und der Abgrund links von uns fällt ins Bodenlose. Schließlich befinden wir uns auf einem nur lenkerbreiten Felsband, rechts ein Stahlseil, links nichts als gähnender Abgrund.

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Jetzt nur keinen Fehler machen, vorsichtig fahren und am kleinen Hindernis doch besser absteigen, festhalten, das Bike schieben. Nach wenigen Metern ist dieser Nervenkitzel zum Glück vorbei. Wir stoßen auf einen Schotterweg.

Bereits nach wenigen Metern verlässt der 301er den Schotterweg wieder. Er entpuppt sich in diesem Bereich als flowiger Spaßtrail durch den Wald. Weiter unten wird offensichtlich, dass er hier regelmäßig mit Bikes befahren wird. Eine deutliche Ideallinie ist daher eingefahren. Der Weg führt uns hinab bis nach Andalo. Schnell passieren wir den wenig einladenden Ort und fahren neben dem Bach auf einem Schotterweg hinab nach Molveno.
Unser nächstes Ziel, den Monte Gazza hätten wir auch direkt von Andalo erreichen können. Da Michael die unattraktive Route durch das Skigebiet schon kennt und wir wissen, dass man unten vom Seeufer aus wesentlich angenehmer hoch fahren kann, entscheiden wir uns für diesen kleinen  Umweg. Nützlicher Nebeneffekt hiervon ist zudem, dass wir am Molvenosee noch kurz in einem Hotel am Strand einkehren können, um eine Kleinigkeit zu essen.
Dann geht es los, die letzten 1000 Höhenmeter dieser Alpentour werden in Angriff genommen. Steil führt der Schotterweg durch den Wald nach oben. Es ist schwül und heiß, daher ist das alles hier eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Der Schotterweg führt auch nicht bis auf den Berg, sondern wendet sich irgendwann wieder zurück in Richtung Andalo. Da wollen wir natürlich nicht hin. Statt dessen müssen wir einen kleinen Wanderweg hoch schieben. Wir suchen zunächst den richtigen Einstieg, dann aber ist der Weg nach oben eingeschlagen. Der weitere Weg verläuft noch ziemlich zäh und wellig bis hinauf zum Passo di San Giovanni. Jetzt noch wenige steile Meter durch den Latschenkiefernwald, dann ist es geschafft. Wir haben den letzten Berg dieser Tour erklommen. Inzwischen steht die Sonne schon wieder tief am Himmel, das Ziel der Gardasee ist noch weit. Wir passieren eine Kuppe, dann eine Kurve, dann erblicken wir ihn. Ganz unten im Tal, gerade noch am Horizont zu erkennen: der Gardasee. Wir fahren schnell den staubigen Weg hinab, die Sonne ist bereits rötlich eingefärbt. Ein emotionaler Augenblick, nach 7 harten Tagen. Der Augenblick könnte perfekt sein, würde Michael jetzt nicht plötzlich nach rechts in die Wiese steuern: Plattfuß. Schnell ist der Schlauch gewechselt, weiter geht´s. Auf dem Trail 602 fahren wir ab nach Ranzo. Der Weg ist steil und verblockt. Ein letztes Mal wird das Material gefordert, die volle Konzentration im Kopf und die Beherrschung der Fahrtechnik sind ebenfalls unerlässlich.
In Ranzo wollen wir eigentlich einen Trail nach Sarche befahren. Doch trotz GPS Track gelingt es uns nicht auf Anhieb den richtigen Einstieg zu finden. Für lange Suchaktionen und Experimente fehlt uns jetzt aber die Zeit und die Motivation. Daher findet die letzte Abfahrt hinab zum Lago Toblino völlig unwürdig auf dem betonierten Radweg durch das Val Rusa statt.
Von Sarche aus fahren wir weiter auf der beschilderten Mountainbikeroute nach Dro und schließlich nach Arco. Der teilweise grobschottrige Weg wartet noch mit einigen ungeplanten Gegenanstiegen auf, ist aber alles in allem sehr empfehlenswert. Ab Arco für uns der beidseitig mit blühenden Oleanderbüschen gesäumte Weg bis nach Torbole. Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir am Mecki vorbei kommen. Auf dem Campingplatz erwartet uns bereits Suse mit kühlem Bier. Es ist geschafft.

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Nach dem Pizzaessen hat keiner von uns mehr die Kraft und die Lust das Zelt aufzubauen. Daher verbringen wir die letzte Nacht unserer Tour im Dreck. Wir liegen auf der Isomatte,  verstreut zwischen den Bikes und dem unterliegendem Gepäck auf dem staubigen Boden des Campingplatzes.
Die nächsten zwei Tage verbringen wir gemütlich mit Grillen und Baden…Am Sonntag wird Michaels Sharan bis zur Belastungsgrenze mit 5 Bikes, 6 Personen und jede Menge Tour- und Campinggepäck beladen und wir treten die Heimreise an. Ach so, ab der zweiten Nacht haben wir denn doch im Zelt geschlafen.

Fotos:

von Tag 7

Strecke:

Lago di Tovel
Pso Gaiarda
Molveno
Pso. San Giovanni
Monte Gazza
Ranzo
Sarche
Gardasee

Unterkunft:

Campingplatz Torbole

Statistik:

Unterwegs: 11:30 h
Fahrzeit: 7:32 h
Höhenmeter hoch: 2174 m
Höhenmeter hoch getragen: 500 m
Höhenmeter runter: 3245 m
Kilometer lt. Tacho: 70,2 km
Kilometer ges: 75 km

GPS-Tracks:

kostenlos
vom Lago di Tofel durch die Brenta zum Molvenosee und über den Monte Gazza bis zum Gardasee

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