Bis zum bitteren Ende

So muss ein Tag beginnen. Strahlender Sonnenschein, Berge und vor uns eine lange und technisch anspruchsvolle Trailabfahrt. Und Kaffee. Wo wir beim Stichwort wären. Pulver habe ich eingepackt, zwei Becher auch. Filtertüten gibt es sogar auf der Hütte. Fehlt nur noch heißes Wasser. Das letzte Holz haben wir gestern verfeuert. Also beginne ich vor der Hütte alles was an Holzschnipseln, die vom letzten mal Holz hacken liegen geblieben sind, auf zu sammeln. Dazu ein paar Stücke zusammengeknülltes Zeitungspapier, sollte gerade so reichen. Es reicht, das Frühstück ist gerettet. Danach gilt es schnell die Protektoren an zu legen, die Bikes für die Abfahrt klar zu machen und schon kann es los gehen. Zunächst in der Morgensonne über Geröll und Felsplatten. Der Trail macht Spaß, richtig Spaß. Freunde von verbockten Felspassagen finden hier genau das was sie suchen. Der technische Anspruch ist recht hoch, aber die Schlüsselstellen sind weder ausgesetzt noch extrem gefährlich.

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Wir tauchen ein in einen engen Talkessel, die Sonne steht heute früh um halb acht leider noch sehr flach am Horizont, so dass wir den weiteren Trail im Schatten absolvieren müssen. Einige Schneefelder von letzten Winter versperren noch den Weg. Dank der tiefen Temperaturen von letzter Nacht sind diese aber noch hart und die Schneepassagen können in der Falllinie auf dem Bike sitzend absolviert werden. glarnert_07_09_56Vor der Ober Stafel Alm wird der Weg noch mal anspruchsvoll. Tiefe Erosionsrinnen und ungünstig verteilte Felsbrocken erschweren das Vorankommen. Dennoch gelingt es uns auch diese Passage fast fehlerfrei zu meistern, von einem kleinen Abflug meinerseits mal abgesehen. Nach der Alm folgt ein kurzer Gegenanstieg und schon geht es weiter auf dem Trail. Dieser führt bis Unter Stafel. Hier könnte man auf der Straße weiter fahren, was wir natürlich ganz und gar nicht vorhaben. Da kommt uns der direkt hier abzweigende Wanderweg in Richtung Elm gerade recht. Zunächst muss eine sumpfige Kuhweide überwunden werden, aber schon bald führt wieder ein schöner Trail abwärts. Wir wechseln zwischen kleinen Nebenstraßen, Schotterwegen und einigen Trails ab und unterbrechen diese gemütliche Fahrt in Elm. Dort frischen wir im Supermarkt unsere inzwischen völlig aufgezehrten Vorräte auf. Weiter geht es am Bach entlang bis nach Matt. Hier beginnt der Aufstieg zum Risetenpass. Dabei geht´s sogleich heftig zur Sache. Kleine Kettenblatt, größtes Ritzel und Pressen. Oh je, wir spüren den gestrigen Tag noch in den Gliedern. Und vor allem am wunden Sitzfleisch. Dann fängt auch noch die Kette an quietschend nach Öl zu schreien. Zum Glück führt der Weg schattig an einem schönen Bach entlang, der in unzähligen Kaskaden nach unten stürzt. Ich warte ein paar Augenblicke auf Michael, er hat ein Fläschchen Öl dabei, für meine Kette. Dann geht es weiter. Dann lässt diese mörderische Steigung endlich nach. Den ersten Abzweig in Richtung Pass lassen wir rechts liegen, der Schotterweg außen herum ist flacher und fahrbar. Wir erreichen ein wunderschönes Hochtal mit idyllischen Almen, welches wir bald darauf rechter Hand auf einem Schottweg nach oben verlassen. An einem Brunnen ist erst einmal ein Zwischenstopp fällig. Danach geht es nochmals heftigst zur Sache. Die Schotterpiste wird abermals brutal steil. Der Steigungsmesser am Tacho zeigt bis zu 29%, Schattenspendende Bäume gibt es hier oben auch schon längst nicht mehr. Dann der Abzweig zum Risetenpass. Kam sichtbar, entlang einer Kuhweide. Dann wieder ein Pfad. Es geht weiter. Falsch, der Track auf dem GPS Gerät weist nach oben. Ein Blick auf die Wanderkarte bringt Gewissheit, es geht nach oben, 300 Höhenmeter steil die Wiese hinauf. Aber wo war der Abzweig? Wo eine Markierung? Und überhaupt, wo ist der Weg? Da hilft alles Jammern und Suchen nichts, wir müssen da hoch, also in der Falllinie die Wiese hoch. Ich suche den Pfad, der auf dem Navi eingezeichnet ist, laufe darüber hinweg, blicke zurück und sehe tatsächlich auf einem Stein eine verwitterte Markierung. Ah, der Weg. Kaum noch sichtbar, fast vollständig zugewachsen aber tatsächlich vorhanden. Steil geht es in vielen Serpentinen weiter nach oben. Immer wieder ist der Pfad erst auf den zweiten Blick sichtbar, dann wieder zeigen Holzstufen und Markierungen an, dass wir richtig sind. Und über uns ist deutlich die Kerbe des Ristenpasses am Horizont zu erkennen. Bei schlechtem Wetter oder gar Nebel möchte ich hier oben jedoch nicht umherirren müssen. Dann ist es vollbracht, wir sind oben. Jetzt wird die Brotzeit ausgepackt. Echtes Bündner Sälzis, Bergkäse von einer Alm bei Elm und lockeres Roggenbrot.
Die Abfahrt beginnt vielversprechend: ein schöner Trail zieht sich am Hang entlang. Leider ist an der ersten Alm der Spaß schon vorbei. Wir suchen noch auf den Almwiesen nach einem auf der Karte verzeichneten Wanderweg, der aber anscheinend kaum noch begangen wird und daher fast vollständig von der Natur zurück erobert wurde. Wir geben auf und queren rüber zum Schotterweg, der von der soeben passierten Alm hinab ins Tal führt. Nach der Überwindung von Sage und Schreibe 9 Viehgattern geht es auf einer kleinen Straße talwärts. Diese ist stellenweise spektakulär in die senkrechte Felswand gebaut wurden und führt auch durch einige kleine Tunnels nach unten. Die Karte zeigt in einer Serpentine noch einen abzweigenden Wanderweg, diesen probieren wir natürlich aus. Nach einigen engen Spitzkehren erreichen wir ein Kraftwerk. Auch von dessen Zufahrtsstraße zweigt ein Trail ab. Besser gesagt ein paar Markierungen weisen über eine Kuhweide. Wären die Markierungen nicht vorhanden, würde keiner glauben, dass es sich hierbei um einen Weg handeln würde. Auch diese Episode unserer Reise endet irgendwann auf einer kleinen Straße. Noch einmal probieren wir danach einen Trail am Bach entlang, was zur Folge hat, dass ich mir noch einen Platten am Hinterrad einfange. Dann reicht es. In Weisstannen gönnen wir uns noch einmal eine Kaffee und ein großes Glas Cola. Bei der Gelegenheit schaue ich noch mal in die Wanderkarten und entdecke noch eine Variante, die es uns ermöglicht die Höhe zu halten und weiter oben in die Auffahrt zur Pixolhütte ein zu steigen. Dies erspart uns doch tatsächlich fast 350 zusätzliche Höhenmeter.

Jetzt gilt es keine Zeit mehr zu verlieren. Das Die Straße ab hier kaum noch Gefälle hat, macht auch die Weiterfahrt auf dem zum Teil parallel verlaufenden Wanderweg keinen Sinn mehr. Wir passieren einige ansehnliche Wasserfälle und erreichen schließlich den Abzweig. Gleich geht es wieder steil und sonnig zur Sache. Zum Glück beginnt aber bald der Schatten spendende Wald und die Steigung wird angenehmer zu fahren. Ab und zu geben die dichten Bäume einen Blick ins Rheintal frei. Unter uns liegt Sarganz, wir sehen hinüber nach Lichtenstein, ins Montafon und ganz im Norden ist der Bodensee zu erkennen. Nach ca. 300 Höhenmetern Auffahrt und ein paar Metern Downhill auf der Schotterpiste erreichen wir die Zufahrt zur Pixolhütte. Bis zur Mittelstation der Seilbahn handelt es sich hierbei um eine steile und asphaltierte Straße. Die Seilbahn wird gerade saniert, also kommen uns einige Betonmischer entgegen. Die Jungs machen Feierabend nach einem heißen und schweißtreibenden Tag. Wir haben noch einiges vor uns. Es ist so heiß, dass der Teer der serpentinenreichen Straße an einigen Stellen geschmolzen ist. Super, 20% Steigung, zwei ausgepowerte Biker und dann bleiben auch noch die Reifen kleben, das hat uns gerade noch gefehlt! Die Aussicht wird mit jedem Meter besser, dafür ist für uns mit Fahren ab der Mittelstation endgültig Schluss. In den Skigebiet, in dem wir uns gerade befinden ist es wie in allen Skigebieten, die ich mit den Bike bisher durchquert habe: Die Schotterwege sind abartig steil und zum Biken völlig ungeeignet. Nur absolute Kletterspezialisten werden hier im Sattel bleiben. Das sind wir heute nicht mehr, dafür durchgeschwitzt, ausgepowert und wund gesessen. Zudem belasten uns schwere Bikes und der Rucksack drückt. Wenigstens ziehen jetzt ein paar Wolken auf und die unbarmherzige Hitze reduziert sich um ein paar Grad. Wir schieben, ständig klebt der Blick am Höhenmesser. Die Pixolhütte ist noch über 700 Höhenmeter über uns. Jetzt heißt es Durchbeißen. Wir beißen, obwohl wir eigentlich nicht mehr können. Spätestens jetzt wird uns klar, dass man diese Tour eigentlich in zwei Tagen nicht schaffen kann. Jetzt müssen wir halt. Also weiter. Wenigstens ist der Schotterweg bis ganz nach oben ausgebaut und einige kurze Abschnitte können wir sogar fahren. Nach einer nicht enden wollenden Qual erreichen wir schließlich doch noch die Pixolhütte. Diese hat natürlich geschlossen. Also nichts mit Cola. Ist vielleicht auch besser so. Die paar Schatten spendenden Wolken haben sich inzwischen in eine ansehnliche schwarze Masse verwandelt, die Kaltfront rückt an, unser Zeitlimit. Also nichts wie los, die Abfahrt wartet. Zunächst suchen wir noch kurz den Start am See, dann geht es technisch und anspruchsvoll auf einem schmalen Trail abwärts. Eigentlich sind wir zu fertig, um hier noch richtig Spaß zu haben. Zudem kostet uns der Trail viel Zeit. Daher sind wir gar nicht unglücklich, dass der Weg zusehends breiter wird und somit schneller zu fahren ist. An einer Alm kreuzen wir einen Schotterweg. Ausgeschlossen, dass wir hier abbiegen, weiter geht es auf dem Trail in endlosen Serpentinen talwärts. Es handelt sich hierbei um einen alten Weideweg, der zwar fast 2 Meter breit ist, uns aber dennoch viel Spaß bereitet. Er führt uns hinab in einen gigantischen Talkessel, in den sich von allen Seiten imposante Wasserfälle hinein stürzen. Auch wir stürzen hinab in diesen Kessel, dessen einzigster Ausgang eine schmale und tief eingeschnitten Klamm ist. Hoch über dem sprudelnden und glucksenden Wasser ist ein Schotterweg abenteuerlich und ausgesetzt in die Klamm hinein gebaut worden. Diesen rauschen wir in hohem Tempo talwärts und erreichen schließlich die Straße. Am Stausee nehmen wir den Bikeweg und müssen noch knapp 8 km auf der Straße bis zurück zu unserm Auto zurück legen. Die Wolken werden immer dunkler, wir sind erschöpft und ausgepowert. Die letzten Meter werden zu Qual. Schließlich erreichen wir endlich unser Ziel. Während wir uns umziehen und die Bikes verladen beginnt es zu regnen. Das nennt man perfektes Timing!

Fazit: Einzigartige und landschaftlich überwältigende Traumtour, für die man sich mindestens 3 Tage Zeit nehmen sollte. Die Abfahrt vom Pranixerpass gehört zu einer der schönsten in den ganzen Alpen. Dafür enttäuscht der Risetenpass mit seinem geringen Trailanteil etwas. Die Abfahten von der Ringelspitzhütte und von der Pixolhütte sind schön und lohnend. Die imposante Rheinschlucht ist es auf jeden Fall wert befahren zu werden.

Bericht von Tag 1 der Tour

Route:

Pranixer Pass-Elm-Risetenpass-Weistannen-Pixolhütte-Valens-Vättis

Tourdaten:

13,5 h unterwegs, 10 h Fahrzeit
2998 Höhenmeter, 75 km

GPS Tracks:

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BIldergallerie: