Tag 4 Im Sagenland der schwarzen Blöcke

Capanna Bovarina – Gana Negra – Passo del Lucomagno– Passo dell` Uomo – Griespass

In der Nacht hat es ein heftiges Gewitter gegeben. Blitz und Donner erschüttern die Hütte und raubten uns den Schlaf. Dafür werden wir jetzt mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein entschädigt.

Heute schaffen wir es sogar einmal vor 8.00 Uhr auf den Bikes zu sitzen, um mit der Auffahrt zum Gana Negra zu starten. Wieder einmal so ein Experiment, wieder mal so ein Pass, den man nicht in hunderten von Tourbeschreibungen findet. Wanderer, die wir gestern Abend auf der Hütte kennen gelernt haben berichten uns von riesigen schwarzen Felsblöcken, einem beschwerlichen Weg und garantieren uns, dass wir nichts davon fahren könnten. Gut, so was hört man öfters, und meist erweist sich eine solche Einschätzung als wenig hilfreich. Wir werden sehen.

Zunächst einmal bemerken wir, dass es gesteren Abend wohl doch bequemer gewesen wäre, den längeren aber fahrbaren Weg hinauf zur Hütte zu nehmen. Denn wenige Meter nach der Unterkunft steht ein Auto. Tja, so ist es halt. Das nächste Mal wissen wir es besser. Der fahrbare Weg führt bis zur Alpe Bovarina, aber hier geht es weiter auf einem schmalen Wiesenweg in Richtung Pass. Das Gras ist noch sehr nass vom Regen heute Nacht, die Morgensonne spiegelt sich in zahlreichen Pfützen und kleinen Seen.

Die traumhafte Landschaft ist in ein wunderbares Licht getaucht, dann tauchen die ersten Blöcke auf der grünen Wiese auf. Unglaublich, was für ein Kontrast. Der Wanderweg schlängelt sich zwischen den Blöcken durch, die Bikes können aber größtenteils bequem geschoben werden. Manche Abschnitte können wir sogar im Sattel sitzend fahren, ab und zu tragen wir die Bikes. Die befürchtete Kletterei durch unwegsames Gelände zwischen riesigen Steinblöcken bleibt uns erspart.

Nach 2 Stunden Aufstieg erreichen wir schließlich den 2463 Meter hoch gelegen Passo di Gana Negra.

Ein fahrtechnisch anspruchsvoller Trail führt hinab zum Passo del Lucomagno. Leider sind in den erdigen Untergrund teilweise recht tiefe und schmale Rinnen ausgewaschen. Das macht die Abfahrt äußerst schwer. Will man das Hinterrad versetzen geht das nur in mehreren Schritten, da man öfters mal mit den Pedalen oder der Hinterrad aneckt. Gegen Ende wird der Trail einfacher und flowiger. Mit hohem Tempo können wir in Richtung Passo del Lucomagno abfahren.

Wir haben Hunger, da kommt uns eine Rast im Hospiz gerade recht. Schnell werden ein paar Schinkenbrote verdrückt. Unser Weg führt uns zunächst gemütlich auf einem breiten Schotterweg am Stausee entlang. Doch so gemütlich bleibt´s natürlich nicht lange, denn es geht weiter auf der Geröllauffahrt zum Pass dell´Uomo. Der Weg hinauf zum Pass gleicht eher einem trockenen Bachbett als einem Weg. Auf der groben Geröllauffahrt ist an Fahren fast nicht zu denken, also wird wieder einmal geschoben. Leider verabschiedet sich das schöne Wetter nun auch wieder. Dichte Wolken ziehen auf und verhüllen die Berge rund um uns herum. Nach 300 Höhenmetern erreichen wir schließlich die Passhöhe.

Inzwischen weht ein kalter Wind und so müssen wir uns vor der Abfahrt noch eine Jacke anziehen. Bereits nach wenigen Metern Abfahrt scheint der Weg wieder bergauf zu führen…der Schotterweg. Aber hier zweigt ein Trail zu Capanne Cadagno ab. Ein kurzer Blick aufs Navi, dann ist klar: wir nehmen den Trail. Schon nach wenigen Metern zeigt sich, dass dies die richtige Entscheidung war, denn der Trail ist ein fahrtechnisch anspruchvoller Leckerbissen, der abwechslungsreich und immer wieder kniffelig verblockt ins Tal hinab führt.
Die restliche Abfahrt führt auf Schotter bis zum Lago Ritom, dann halb um den See herum und letztendlich zur Staumauer. Gleich hier führt ein Wanderweg in Richtung Valle. Da dieser hier oben aber zunächst auf einer Treppe steil hinab führt, verzichten wir zunächst darauf und fahren stattdessen ein Stück auf der Straße abwärts. Doch schon bald wird uns diese Höhenmetervernichtung zu sinnlos und wir schauen uns nach einer Alternative um. Diese ist bald gefunden und wir finden uns auf einem alten Karrenweg nach Valle wieder. Der kleine Ort ist pittoresk in das enge Tal gebaut worden. Eine Straße führt nicht hierher. Wir fahren weiter auf dem mit groben Pflastersteinen befestigten Weg hinab und erreichen schließlich Altanca.

Hoch über dem von mehreren Verkehrsadern voll gestopften Tal fahren wir parallel zu einer Stromleitung in Richtung Airolo. Die Wolken um uns herum haben sich nochmals verdichtet und jetzt beginnt es auch noch leicht zu regnen. Wir verwerfen den Plan heute noch über Nantes auf den 1000 Höhenmeter weiter oben gelegenen Höhenweg zur Alpe di Vaölleggiri zu fahren zunächst einmal. Dafür biegen wir jetzt endlich von der Teerstraße ab und fahren auf der alten Straße nach Airolo. Wieder einmal Karrenweg, teilweise kniffelig und durch den Regen von gerade eben etwas glitschig geht es immer leicht fallend am Hang entlang. Kurz vor Airolo stoßen wir auf eine beschilderte Mountainbikeroute. Diese führt ziemlich sinnfrei am Bach entlang, dann steil nach oben und auf Teer wieder nach unten. Egal, Airolo ist erreicht.

Am Bahnhof ist schnell ein geöffnetes Restaurant gefunden, in dem wir die leeren Mägen mit einer schönen Portion Spaghetti füllen können.
Der Regen hat jetzt zwar wieder aufgehört, aber der Höhenweg ist endgültig gestorben, vorerst wie sich später zeigen sollte. Wir fahren auf der Passstraße zum Nufenenpass durchs Val Bendretto bis Gallinoso. Die Steigung ist gering, der Verkehr ist erträglich. Nach 7 Kilometern haben wir aber alle genug von der Teerfahrerei. Ich spiele beim Fahren gelangweilt auf dem Navi herum und entdecke wenige Meter vor uns einen Schotterweg bis Alpe di Vaölleggiri. 700 Höhenmeter führt er im Wald wieder hoch auf den ursprünglich geplanten Höhenweg. Bei der Planung hatte ich diese Alternative hier gar nicht in Erwägung gezogen, jetzt kommt sie uns gerade recht.

Das Wetter hat sich inzwischen wieder verbessert, und kaum haben wir die Straße verlassen, scheint sogar wieder die Sonne. Ich rufe während einer kurzen Pause auf der Capanna Corno Gries an, um unsere Übernachtung zu reservieren. Der Schotterweg hinauf zur Alpe di Vaölleggiri ist relativ rasch bewältigt. Leider hat Michael oben einen Kettenriss, der aber nach wenigen Minuten repariert ist. Wir treffen einen Jäger, der so wie wir auf dem Weg nach oben ist. Als wir ihm erzählen, wohin wir wollen, schüttelt er nur den Kopf und geht weiter. Warum, das sollen wir wenig später erkennen. Auf einer Höhe von 1900 Metern biegt ein Wanderweg ab, der Schotterweg führt nur noch in ein Hochtal und endet dort. Zunächst geht es erst mal wieder ein Stück bergab, dann mehr oder weniger auf einer Höhe am Hang entlang.

Der Weg ist leider in einem wesentlich schlechteren Zustand, als wir erhofft haben und entpuppt sich bald als übles Geschleppe durch die Botanik. Zudem leidet der Weg unter ziemlicher Erosion. Kurze fahrbare Abschnitte wechseln sich  immer wieder mit üblen Gegenanstiegen ab. Voran kommt man hier nicht wirklich, die gebuchte Hütte ist in weiter Ferne. Wir schauen gegen die inzwischen  tiefstehende Sonne zum Horizont, OK, da ist die Hütte. So weit weg, dass wir besser nicht weiter darüber nachdenken, ob und wann wir dort wohl ankommen werden. Die ganze Sache  macht so wirklich keinen Spaß, vor allem wenn man schon ziemlich platt ist. Wir kreuzen mehrere Materialseilbahnen der Schweizer Armee und schleppen uns und die Bikes weiter bis zum Passo San Giacomo.

Endlich bessert sich der Weg und ist ab jetzt zum größten Teil fahrbar. Noch ein kurzer Gegenanstieg ist zu meistern, dann führt der Trail hoch über dem Talgrund am Hang entlang ins Tal. Im Abendlicht macht diese Abfahrt nach den Strapazen der letzten 2 Stunden richtig Spaß.

Diese Abfahrt danach lohnt sich doch noch. Ich würde den von uns gewählten Aufstieg so aber nicht mehr empfehlen. Alternativ ist der Passo San Giacomo von Süden her auf einer Schotterpiste erreichbar.
Wir erreichen schließlich das Ende der Abfahrt und auf uns warten zum Schluss noch 30 min tragen und schieben bis zur Capanna Corno Gries. Jetzt reicht es aber für heute. Die Wirtin erwartet uns schon auf der Terrasse. Meine Abschätzung wann wir ankommen werden lag auch um über eine Stunde daneben. Egal, es gibt noch was zu Essen. Zuvor wird aber erst einmal ein Bier auf der Hütte genossen. Die neu gebaute Hütte mit ihrer eigenwilligen aber sehr ansprechenden Architektur ist eine gute Adresse, die Gastgeber sind sehr freundlich, das Essen ist gut und die Betten sind auch hier mit kuscheligen Federdecken bestückt. Was will man mehr? Eine Dusche, gut die kostet 5 Franken. Ich entschließe mich statt für ein drittes Bier das Geld lieber in etwas Hygiene zu investieren. Frank und Michael bleiben beim Bier. Na denn prost!
Fazit: Nach dem absoluten Highlight am Passo Gana Negra mit seiner imposanten Landschaft bei strahlendem Sonnenschein haben wir bei der Abfahrt von Passo dell´Uomo noch einen fahrtechnischen Leckerbissen entdeckt. Der Höhenweg zum Passo San Giacomo war dagegen eher ein Reinfall, heute auf jeden Fall zu kräftezehrend und zu zeitraubend. Die Alternative zunächst über die Straße in Richtung Nufenenpass, um dann direkt zur Capanna Corno Gries aufzusteigen wäre sicherlich einfacher und schneller gewesen.

Bilder:

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GPS:

Track und Höhendiagramm bei GPSies.com

Übernachtung:

Capanna Corno Gries

Telefon 091 – 869 11 29

Statistik Tag 4:

2200 Höhenmeter
davon 1300 Höhenmeter getragen und geschoben
50 km
6.40 Fahrzeit
11 h unterwegs

Karte:

Kümmerly + Frey Wanderkarte 19, Gotthard

Kompass Wanderkarte 108, Gotthard/S. Gottardo – Grimsel – Susten – Oberalp