Tag 5 Das Experiment

Griespass-Lago di Morasco – Canza – Lago Vannino – Scatta Minoia – Albrunpass – Binntal

Heute steht uns eine bisher wohl sehr selten befahrene Route bevor. Obwohl viele Biker sowohl den Griespass hinab und später den Albrunpass zurück ins Binntal befahren, gilt es heute eine eher unbekannte und alpinere Variante zu erkunden. Denn wir wollen die Diretissima über den Lago Vannino und die Scatta Minoia ausprobieren…

Doch zunächst ist die Auffahrt zum Giespass zu bewältigen. Diese ist unerwartet einfach und meist fahrbar zu bewältigen. Einige Passagen müssen geschoben oder getragen werden. Das Wetter und die ganze Szenerie sind heute eher grau und trist. Nebelschwaden ziehen an uns vorbei, die Gipfel sind in Wolken gehüllt. Neben unserem Weg sehen wir die kläglichen Reste des Griesgletschers. In einer Landschaft aus Geröll und Fels fahren wir über die End- und Seitenmoränen längst geschmolzener Eismassen weiter nach oben. Schließlich passieren  wir den Passo del Corne. Nur eine kurze Senke trennt uns vom nächsten Pass, dem Griespass. Dichter Nebel umhüllt uns hier. In Richtung Norden ist noch blauer Himmel und der Griessee zu erkennen, im Süden verschwimmt alles zu einer grauen Masse.

Während wir uns etwas anziehen und die Protektoren anlegen beobachten wir am Paso del Corne zwei weitere Biker. Sie fahren los und schließlich an uns vorbei. Sie schießen den Trail hinab, ich nehme die Verfolgung auf. Zu sehen ist im Nebel nicht viel mehr als das Hinterrad des Vordermanns. Die zwei sind schnell unterwegs und geben eine gute Linie vor. Die ganze Abfahrt gleicht einer Achterbahnfahrt. 10 Meter Sicht, keine Landschaft, kurze Reaktionszeiten, Anlieger, Stufen, Felspassagen, dann wieder Speed aufnehmen um wenig später scharf aber kontrolliert abzubremsen, die nächste fahrtechnisch anspruchvolle Passage ist zu meistern. Es geht weiter. An einer Bachdurchquerung halten wir an, wir wechseln ein paar Worte, aha, die zwei sind aus Zürich. Während sie sich wieder dem Trailvergnügen hingeben kommen Frank und Michael herangerauscht.

Dann fahren wir den Trail weiter hinab und erreichen schließlich einen Schotterweg. Wer hier geradeaus weiterfährt macht was falsch und verpasst den schönsten Teil der ganzen Abfahrt. Genau so wie die zwei Züricher auf Ihrer Karte habe auch ich bereits bei der Planung den Abzweig am Bach entdeckt. Nach einem kurzen Tragestück stehen wir auf einer kleinen Anhöhe hoch über dem Lago di Morasco. Inzwischen hat sich der Nebel etwas gelichtet und wir können den See schemenhaft im grauen Dunst erkennen. Wir arbeiten uns den fahrtechnisch anspruchsvollen aber fast durchgehend auf S2 Niveau fahrbaren Trail hinab bis zum See. Als wir unten ankommen, sind die Züricher schon wieder weitergefahren. Wir folgen der Schotterstraße bis zur Staumauer am Südende des Sees. Wir überqueren diese.

An der anderen Seite angekommen überlegen wir kurz zwei Optionen. Prinzipiell kann man von hier auf Schotter bis zur Alp Nefelgiu auf 2048 Metern hochfahren, um über den 600 Meter weiter oben gelegenen Passo Nefelgiu direkt zum Lago Vannino zu gelangen. Die Gegend dort oben sieht aber wenig einladend aus. Lange Geröllfelder prägen das Landschaftsbild, der Weg ist sicher schmal und sehr beschwerlich. Wir verwerfen diese Idee schnell wieder. Genauso wenig sinnvoll erscheint die zweite Option: Nach der Überwindung der ersten 200 Höhenmeter in Richtung Alp Nefelgiu, zweigt ein Trail ins Tal ab. Dorthin gelangt man aber wesentlich einfacher und schneller auf der Straße über Riale in Richtung Canza. Wir beschließen kurzerhand diese Straße zu nehmen. An einem Wasserfall bei La Frua biegen wir in einen steilen und verblockten Wanderweg entlang des Wasserfalls ein. Über hohe Stufen und durch lockeres Geröll geht es halsbrecherisch auf höchstem fahrtechnischem Niveau in die Tiefe. Leider wird das Abfahrtsvergnügen von einem Platten an Michaels Rad kurz unterbrochen. Danach treffen  wir wieder auf die Straße, die nebenan in Serpentinen abwärts führt. Nach wenigen Metern auf Teer zweigt der Wanderweg wieder rechts ab. Fortan fahren wir auf einem alten gepflasterten Weg abwärts ins Val Formazza bis nach Canza.

In dem kleinen Ort gibt es rein gar nichts. Kein Alimentari, kein Bistro, nichts. Also wenden wir uns sofort und ohne Rast der Auffahrt zum Lago Vannino zu. 700 Höhenmeter erwarten uns bis zu dem See. Schlimmstenfalls haben wir uns auf ein Tragestück eingestellt. Wider Erwarten führt aber ein neu erbauter Weg sehr steil aber zumindest bis auf eine Höhe von 1800 Metern durchgehend fahrbar nach oben. Den unteren Teil gibt es wohl schon seit einigen Jahren, oben zeugen frische Spuren von Erdbewegung noch von erst kürzlich vollendeten Bauarbeiten. Ab und zu sehen wir den alten Wanderweg neben uns verlaufen und sind froh darüber, diesen Weg nicht hoch tragen zu müssen. Dafür schieben wir jetzt. Der neu errichtete Weg ist dermaßen steil, das auf dem losen Untergrund und mit den Rucksäcken auf dem Buckel an Fahren nicht mal zu denken ist. Wer zur Hölle baut solche Rampen? Dann öffnet sich das enge Tal und gibt den Blick frei auf eine atemberaubend schöne Landschaft. Wir fühlen uns versetzt in eine andere Welt, spontan fällt mir ein dieses Tal „klein Yosemite“ zu nennen. Rechts und links säumen glatt geschliffene Bigwalls aus Granit den Weg. Wasser rinnt die Felsen hinab und zeichnet bizarre dunkele Muster in den ansonsten hellgrauen Fels. Dazu scheint die Sonne und blauer Himmel setzt sich mehr und mehr durch. Wir passieren den Abzweig zur Rifugio Myriam.

Bis zur Rifugio Margaroli ist noch eine extrem steile in den Fels gesprengte Rampe zu bezwingen, dann führt  der Weg etwas flacher und endlich wieder fahrbar nach oben. Schließlich erreichen wir den Lago Vannino und rasten erst einmal im Rifugio Margaroli. Eine deftige Platte mit Antipasti, Speck, Salami und herzhaften Bergkäse füllt unsere ausgezehrten und erschöpften Körper wieder mit frischer Energie. Diese werden wir sicher gleich brauchen, steht uns doch noch ein 600 Meter hoher, beschwerlicher Aufstieg zur Scatta Minoia durch voraussichtlich sehr unwegsames Gelände bevor. Doch zunächst führt ein noch größtenteils fahrbarer Trail am Westufer des Lago Vannino entlang. Nach einem kurzen Tragestück erreichen wir die Alpe Curxalma auf 2272 Metern. Malerisch schlängelt sich ein kleiner Bach durch die Landschaft. Wir blicken nach oben, wieder verhüllen Nebelschwaden die Gipfel um uns herum. Wo ist der Durchgang, wo müssen wir durch? Nur noch Fels und Geröll ist zu erblicken. Ein schmaler Pfad führt durch die wilde Landschaft.

Immer wieder blicken wir zurück zum Lago Vannino und dem dahinter gelegenen Passo Nefelgiu. Charakteristisch der schmale V-förmige Einschnitt, steil die Abfahrt durchs aus der Ferne absolut weglos erscheinende Gelände. Wir sind froh heute die einfachere wenn auch höhenmeterlastigere Variante gewählt zu haben. Doch nun gilt es den Blick nach vorne zu richten, am besten gar nicht so weit, denn der Weg wird zusehends anspruchsvoller und verblockter. Trittsicherheit ist jetzt gefordert, das Bike wird auf den Schultern getragen, die Beine müssen gekonnt von Block zu Block dirigiert werden. Alles ist wacklig und unberechenbar, manche tonnenschweren Blöcke bewegen sich gar ganz erheblich, wenn man sie betritt. Wir halten Abstand und sind gar nicht glücklich, als wir zwei Wanderer einholen. Gerade an der steilsten und beschwerlichsten Stelle. Schnell bemerken die zwei aber, dass wir uns trotz der sperrigen und schweren Bikes auf den Schultern schneller und gekonnter als sie nach oben bewegen. Sie lassen uns passieren.

Schließlich erreichen wir die Scatta Minoia. Während wir uns umziehen, die Protektoren anlegen und eine Tafel Schokolade verdrücken kommen auch die zwei Wanderer oben an. Wir schauen nach der Abfahrt, hoffen auf einfacheres Gelände auf der Westseite, denn durch Gelände wie beim Aufstieg würden wir kaum abfahren können. Der Weg erscheint verblockt über Fels zu verlaufen, aber wesentlich einfacher beschaffen zu sein. Wir starten, erst einmal schiebend, denn die ersten 5 Meter nach dem Pass sind einfach zu steil zum Fahren. Dann geht es los, eine fahrtechnische Herauforderung schlechthin, aber mit gutem Fahrkönnen, präzisen Bremsen und sicher beherrschter Hinterrad-Versetztechik durchaus machbare Abfahrt beginnt. Große Felspassagen mit steilen Stufen und extrem engen Kehren müssen absolviert werden. Dann folgen flowige Abschnitte, die ein kurzes Durchatmen erlauben, bevor die nächste Felssektion wieder Kraft und Ausdauer verlangt. Die Nerven und die Muskeln sind fast bis zum Zerreißen angespannt. Höchste Konzentration ist gefordert, Fehler sind in diesem Gelände unverzeihlich. So gelingt es, die Abfahrt fast komplett zu meistern, bis ich vor einem 5 Meter hohen Abgrund stehe. Ende. Hier ist Schluss. Hier muss getragen werden. Danach geht es auf glatt geschliffenen Felsen weiter. An einem mit einem ganzen Teppich aus Wollgras bewachsenen See endet der verblockte Weg und wir fahren ab jetzt schnell und flowig über Almwiesen in Richtung Alpe Forino.

Wir blicken zurück, inzwischen haben dichte graue Wolken die Scatta Minoia verhüllt, dafür ist unser nächstes Ziel, der Albrunpass in schönstes Sonnenlicht getaucht. Nach der Alpe folgt ein Tragestück zum Albrunpass. Zunächst steigen wir steil über grasbewachsene Hänge hinauf. Danach führt der Weg bis zur Wegegabelung, wo der Wanderweg vom Lago di Dévero heraufkommt, ziemlich beschwerlich am Hang entlang. Ein ständiges Auf und Ab auf einem schmalen Pfad. Wenigstens ist dieses Stück recht kurz und bald darauf können wir auf dem breiteren und gut befestigten Steig die letzten paar Höhenmeter zum Albrunpass hochtragen.Wir befinden uns mal wieder auf einem alten Saumpfad.

Auf der Passhöhe weht ein kalter Wind, daher halten wir uns hier nicht lange auf. Wir stürzen uns in die Abfahrt. Diese schwere technische Abfahrt zur Binntalhütte hat es echt in sich. Wieder verblockter Fels, steile Stufen und enge Kehren, in denen das Hinterrad versetzt werden muss. Leider sind die Kurven zwar gut mit Pflastersteinen und Felsbrocken zusammengepuzzelt, aber sehr ungünstig beschaffen. Denn sie sind flach, teilweise gegen Ende sogar wieder ansteigend. Es ist fast unmöglich neben dem Anbremsen, Anheben des Hinterrades und dem Versetzen noch ausreichend Schwung zu behalten, um die Kurve zu vollenden. Zum Teil sollte man nach dem erfolgreichen Umsetzen noch in der Lage sein, das Vorderrad über ein Hindernis zu heben. Alles in allem kostet die Abfahrt mehr Kraft, als wir heute nach einem langen und anstrengenden Tag noch haben. Egal, dann wird eben mal nicht jede Kurve perfekt durchfahren.

Inzwischen steht die Sonne schon wieder sehr flach am Horizont. Es ist 17.00 Uhr und die Binntalhütte lädt zur Übernachtung ein. Die Weiterfahrt hinab nach Binn würde uns jetzt nicht mehr wesentlich weiter bringen und daher beschließen wir kurzerhand hier zu bleiben. Noch bevor die Räder verstaut, die Protektoren abgeschnallt und das Gepäck verstaut ist stehen 3 Dosen kühles Bier auf dem Tisch. Im warmen Abendlicht lassen wir den Tag vor der Hütte gemütlich ausklingen. Das Abendessen ist gut, die sanitären Einrichtungen sind genau so spartanisch wie das große Matratzenlager unter dem Dach. Eine Dusche gibt es natürlich auch nicht. Aber das stört keinen, schließlich riechen heute Abend irgendwie alle gleich.

Kurz vor dem Schlafengehen will ich noch kurz meine Trinkflasche vom Bike holen. Ich tappe im Dunkeln vor der Hütte rum, mit Birkenstock-Schlappen. Und es kommt wie es kommen muss. Ich trete in ein Loch und verknackse mir den linken Fuß. Feierabend.
Fazit:
Der heutige Tag war ein Volltreffer schlechthin. Trotz des Nebels war die Abfahrt vom Griespass ein absolutes Highlight. Die Auffahrt zum Lago Vannino war zwar steil und beschwerlich, dennoch wesentlich einfacher als befürchtet. Die Scatta Minoia war mit dem aufregenden Aufstieg in bizarrer Landschaft und der fahrtechnisch anspruchsvollen und abwechslungsreichen Abfahrt einfach ein Traum. Der Albrunpass ist auf der gewählten Route nur noch ein kleiner Buckel und die Abfahrt zur Binntalhütte ist trotz ihrer Schwierigkeiten für fahrtechnisch versierte Biker ein lohnendes Ziel. Wir hatten heute auf der heikelsten Etappe der Tour immer gutes und passendes Wetter.

Bilder:

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GPS:

Track und Höhendiagramm bei GPSies.com

Unterkunft:

Binntalhütte

Statistik Tag 5:

1639 Höhenmeter
davon 1000 Höhenmeter getragen und geschoben
32,5 km
4,2 h Fahrzeit
9 h unterwegs

Karten:

Kümmerly + Frey Wanderkarte 25, Aletsch – Lötschental – Goms

Kompass Wanderkarte 122, Aletsch Goms Lötschental